Große Kunst in Gotha

Rund um Schloss Friedenstein

Um Schloss Friedenstein herum zeigt Gotha sein schönstes Gesicht: Herzogliche Orangerie, Englischer Garten, Wasserkunst – ein Dreiklang der Pracht, den man wunderbar auf einem Spaziergang in der Sonne erkunden kann.

Gotha ist ein Genuss. Selbst bei diesem Wetter. Es schüttet, es ist kühl, und doch schließt man diese Stadt, die nah am Naturpark Thüringer Wald liegt, schnell ins Herz. Vor allem, wenn man hier oben am Schlossberg steht, das mächtige Schloss Friedenstein im Rücken und vor sich die Wasserkunst. Diese dreistufig über mehrere Etagen laufende Brunnenanlage lenkt den Blick harmonisch Richtung Hauptmarkt und auf das Alte Rathaus, das auch Rotes Rathaus heißt, weil sein Turm und die Fassade in einem Feuerrot leuchten. 

Gotha Rathaus

Rathaus in Gotha ©Daniel James Clarke, Cultural Heart of Germany

Gothas hübsche Achse: von der Wasserkunst zum Roten Rathaus

Die Wasserkunst, gespeist durch den 650 Jahre alten Leinakanal, ziert Gotha seit 1895. Rund 100 Meter sprudelt das Vergnügen über Kaskaden vom oberen über den mittleren in den unteren Brunnen, von Mai bis Oktober. Der Beginn wird jedes Jahr mit dem Gothardusfest gefeiert. Dann stehen die Gothaer um die Brunnen herum, Geschichten werden erzählt, zum Schluss schütten Nixen Wasser in den Leinakanal, und das Spektakel beginnt. 

Dass das Wasser dann auch immer läuft, dafür sorgt Michael Dietrich. Wenn irgendwo was verstopft ist, muss der Brunnenwart von Gotha ran. »Manchmal haben sich Eicheln, Blätter, Stöckchen in den Düsen festgesetzt. Das mach’ ich dann mit einem Kollegen wieder sauber.«
Von der Wasserkunst ist der Weg nicht weit zum nächsten Highlight. Südlich von ihr erhebt sich wuchtig Schloss Friedenstein, eines der am besten erhaltenen Baudenkmäler des Frühbarock. Daran vorbei läuft man in den Schlosspark, zum Herzoglichen Museum und von dort in den Englischen Garten. Er zählt zu den frühesten Landschaftsparks in Europa und wurde ab 1769 nach den Idealen des englischen Gartenarchitekten Lancelot Brown angelegt. 

Spiegel der Zeit: englische Gartenkunst

Der Landschaftspark umfasst nur drei Hektar, aber gerade in seiner Miniatur und aufgrund seines gut erhaltenen Originalzustands ist er perfekt, um die Gestaltungskunst in einem Englischen Garten zu begreifen. Dafür muss der Besucher allerdings auf dem historischen Rundweg laufen. »Nur so kann man die besonderen Landschaftsbilder entdecken«, sagt Parkverwalter Jens Scheffler. 

Er holt einen Plan von 1774 aus seiner Tasche, zeigt den Weg, der noch in weiten Teilen vorhanden ist, die Uferlinie des Teiches, die Standorte der kulissenartig gesetzten Bäume. »Mit ein paar großen Flächen, wenigen Pfaden und geschwungenen Formen hat man geschickt einen Raum geschaffen, der viel größer wirkt als er in Wirklichkeit ist«, sagt Scheffler, gelernter Landschaftsarchitekt und Denkmalpfleger.

Wir laufen los. Am Anfang des Weges, in einem dichten Gehölzbestand, wähnt man sich im Wald, sieht nicht den Teich, der noch hinter einer kleinen Böschung verschwunden ist. Erst ein Stück weiter taucht er auf: als stattlich wirkender See – der einem dann ein paar hundert Meter weiter plötzlich wie ein Fluss vorkommt, der sich durch den Park schlängelt. »Für diese Illusion sorgt das Inselchen im Teich, das von dieser Stelle aus betrachtet wie ein durchgehender Ufergürtel erscheint«, erklärt Scheffler. Erstaunlich, wie wenige Mittel diese Wirkung erzielen.

Schloss Friedenstein Gotha

Ob der Bauherr sich hier zurechtgefunden hat? 1.268 Fenster und 500 Räume hat das Schloss, das Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha ab 1643 in nur zwölf Jahren erbauen ließ. Heute beherbergt es Millionen von Exponaten – wenn man alle Stücke der Insektensammlung mitzählt. Außen hui, innen noch mehr hui!

Besser als im Supermarkt: Gothas Orangeriekultur

Mit diesen unerwarteten Eindrücken geht es durch den Tannengarten mit seinen zwei kapitalen Scheinzypressen zur Herzoglichen Orangerie östlich des Schlosses. Wie ein Amphitheater fügt sich das Ensemble in das Terrain. Von einem Hang blickt man auf die fächerförmige Anlage mit ihren prächtigen Blumenbeeten und den Orangeriegebäuden, dem Lorbeerhaus auf der einen sowie dem Orangenhaus und dem Treibhaus auf der anderen Seite. 1747 hatte Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg den Bau in Auftrag gegeben. 

Orangerie mit Teeschlösschen ©Roland Krischke, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Über 100 Jahre galt die Gothaer Orangerie mit ihrem reichen Bestand als eine der besten in Deutschland. Wie alten Inventarlisten zu entnehmen ist, wurden in Kübeln, Kästen, Ton- und Porzellantöpfen fast 3000 Pflanzen kultiviert: Pomeranzen, Zitronen, Lorbeer, Feigen. Auch eine Treiberei mit rund 700 Ananaspflanzen hatte der Herzog einrichten lassen. Die damals kostbare Frucht, deren Blätterschopf wie eine Krone wirkt, wurde gern unter den Herrscherhäusern verschenkt – wie auch die Zitrusfrüchte als Symbol fürstlicher Macht und einer goldenen Zeit. 

Nach 1918 schwand der Bestand, die Orangeriekultur wurde aufgegeben. Seit 1995 aber wird sie wiederbelebt, gibt es mit über 1000 Pflanzen mittlerweile eine stattliche Zahl von Orangen-, Zitrus- und Lorbeerbäumchen, die hier blühen und überwintern. Auch die Ananas wächst wieder. »In unseren selbst gezimmerten Anzuchtkästen haben wir 20 Pflanzen«, sagt Jens Scheffler. »Wenn eine reif ist, duftet das ganze Haus.« Und der Geschmack? »Um Längen besser als jede Supermarktananas«

Schloss Friedenstein in Gotha ©Marcus Glahn, Schatzkammer Thüringen


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